Kreatives Lernen: von digitalen Lernumgebungen zu Offenen Universitäten?

Diversität und Multikulturalismus haben in den vergangenen Jahrzehnten unsere Alltags- und Arbeitswelt neu geformt. Berufsanfänger und jene, die schon etliche Jahre fest im Berufsleben stehen, müssen heutzutage ein vielfältigeres Spektrum an Kompetenzen und Wissen vorweisen. Wie lassen sich  diese Fähig- und Fertigkeiten erwerben? Hier sind zunehmend alternative Lern- und Lehrformen gefragt, die in den vergangenen Jahren entwickelt, getestet und angewendet wurden. Dr. Deborah Schnabel ist Gründerin des Creative learning space und gibt im Interview mit Science&People einen Einblick was derartige Lehr-Lern-Konzepte ausmacht, und wie Sie Ihre Forschung inspirierte Unternehmerin zu werden.   


Der Creative learning space ist ein Spin-Off der Universität Tübingen und basiert auf den Erkenntnissen Ihrer Doktorarbeit. Wie sind Sie auf die Idee gekommen ein Start-Up zu gründen?

Ich habe mich bislang immer zwischen Forschung und Praxis bewegt. Mir ist es einfach sehr wichtig, Forschungserkenntnisse nicht nur zu publizieren, sondern auch in die Anwendung zu bringen und das ‚live‘ mitzuerleben. Bereits meine Promotion habe ich berufsbegleitend absolviert. Ich war in einem Beratungsunternehmen für internationales Personalmanagement – zuletzt auch im Innovationsmanagement – tätig. In bestehenden Strukturen kann man neue Ideen aber manachmal nicht in ihrer vollen Gänze umsetzen. Zudem ist es mein Ziel, das der Creative learning space kein ‚Projekt‘ bleibt, sondern durch ein Startup zu einer gewissen Reichweite kommt. Das Thema Kreativität und Entrepreneurship begleiten mich dabei schon seit meiner Master Thesis zum Thema ‚Creativity, Personality and Entreprenuerial Intentions‘.

Im Rahmen des Creative learning space haben Sie eine Lernumgebung zur Entwicklung kreativer Problemlösungsansätze erarbeitet. Wie sieht dieses Programm aus? Was unterscheidet es von anderen Angeboten wie zum Beispiel frei zugänglichen Lernprogrammen auf Online-Plattformen wie Coursera, edX oder MOOC-Kursen verschiedener Universitäten?

Zunächst möchte ich festhalten, dass wir uns hierbei noch mitten im Prozess befinden. Was wir bisher haben, ist ein Pretotype der Lernumgebung.

Es geht uns nicht rein um die digitale Lernumgebung, sondern auch um die Gestaltung der Lerninhalte, des Lernprozesses und eines integrativen Ansatzes, der digitales Lernen mit physischem Lernen verknüpft (vgl. Inverted Classroom). Thematisch konzentrieren wir uns auf New Work Skills. Dazu gehört das kreative Problemlösen, aber auch das Arbeiten in heterogenen Teams oder Empathiefähigkeit. Kurzum wir arbeiten kompetenz- und nicht rein wissensbasiert.

In der digitalen Lernumgebung findet der Teilnehmer als aller ersten einen Teil mit Self-Assessments, Lernzielbestimmung und Reflexionsfragen. So kann er Inhalte dann besser auf seine individuellen Herausforderungen transferieren. Die Inhalte werden über kurze Videos, Infografiken und Audios präsentiert. Der Teilnehmer wird immer wieder durch Mikroblogging, Übungen und Quiz zur Reflexion gebracht. Der Prozess wird durch virtuelle Micro Coachings, Lernpartnerschaften und die Lerncommunity unterstützt. Dabei helfen die Teilnehmer einander und teilen auch eigene Lernressourcen und Ideen. Im Idealfall folgt auf den digitalen Lernprozess ein physischer Lernteil, der erfahrungs- und problem-basiert ist. Hier können die Inhalte dann angewendet werden. Während des physischen Lernens in der Gruppe gehen die Teilnehmer gemeinsam mit dem Lernbegleiter immer wieder in Individual- und Gruppen Micro Coachings. Der Inverted Classroom Prozess endet mit einem Micro Coaching zum Lerntransfer.

Wir sehen natürlich den großen Vorteil von MOOCs und anderen digitalen Lernprogrammen (die nur teilweise kostenlos verfügbar sind). Aber wir haben auch die Herausforderungen dieser Angebote genau beobachtet und lassen die Erkenntnisse in unseren Ansatz einfließen. Um einige Beispiele zu nennen: wir nutzen virtuelles Micro Coaching durch einen Lernbegleiter, der die Effektivität und Motivation beim selbstgesteuerten Lernen bei jedem Teilnehmer individuell fördern kann. Wir arbeiten mit Social Learning durch Lernpartnerschaften, aktives Belohnen von virtuellem Lernen von und mit anderen in der Community oder Microblogging. Statt aufgezeichnerter Lectures setzen wir auf Micro Content. Mit den kurzen Lernhappen kann das digitale Lernen besser in den Alltag integriert werden.

Obwohl wir mit unserem digitalen Lernen viele Menschen erreichen wollen, bewegen wir uns eher in Richtung eines abgesteckten, sehr stark durchdachten und personalisierten Lernangebotes. Dieses kann dann wiederum auch leichter angepasst oder mit dem physischen Lernen kombiniert werden.

Welches sind die thematischen Schwerpunkte der Arbeit des Creative learning space? Gibt es bestimmte Technologien und Trends, die sich besonders für den Einsatz im Bildungs- und Wissenschaftsbereich eignen?

Bei dieser Frage möchte ich auch auf die vorherige Antwort verweisen.

Thematisch geht es um die Kompetenzen, die wir als Wissensarbeiter in einer immer stärker automatisierten, vernetzen und globalisierten Arbeitswelt brauchen. Genau jene Kompetenzen kommen allerdings in der formellen und institutionalisierten Bildung oft zu kurz.

Das Inverted Classroom Konzept dient als methodische Klammer. Die Forschung zeigt aber, dass der Erfolg von Inverted Classroom stark davon abhängt, wie genau die Selbstlern- und die Präsenzphase gestaltet und verknüpft sind. Hier kommen die Technologien und Trends in Spiel, die wir als wirksam anerkennen und entsprechend adaptieren, verbinden und dann anwenden. Dazu gehören Gamified Design, Social Learning, Erklärvideos, Micro Content und Problem-basiertes Lernen. All das eignet sich hervorragend für den Bildungs- und Wissenschaftsbereich.

In Ihrer Doktorarbeit haben Sie im Wesentlichen ein neues Rahmenkonzept interkultureller Kompetenz entwickelt. Können Sie in einfachen Worten beschreiben, worum es im Kern geht?

Das Rahmenkonzept zeigt, welche trainierbaren Kompetenzen eine Person benötigt, um neue und komplexe Situationen zu meistern, die durch eine hohe – vor allem kulturell bedingte – Heterogenität gekennzeichnet sind. Das Modell entstand aus der Ausgangslage, dass bestehende Ansätze entweder bikulturelle Szenarien oder stabile Persönlichkeitseigenschaften in den Vordergrund stellen. Diese Modelle greifen genau deshalb nicht, wenn es um Kompetenzentwicklung von Personen geht, die mit sehr vielen Kulturen agieren. Eben das ist aber bei vielen Menschen zunehmend alltäglich der Fall.

Inwieweit sind die Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit/Studie für den Bereich der Hochschul- und Forschungspolitik relevant (Open University)? Und wie fließen sie in die Arbeit des Creative learning space ein?

Es ist vorwiegend der kompetenzorientierte Ansatz, der sowohl für die Hochschul-/Forschungspolitik als auch für den Creative learning space relevant sind. Unsere (Arbeits-)welt wird immer dynamischer, komplexer und schwieriger vorherzusehen. Fakten stehen nicht mehr für sich, sondern müssen jedes Mal neu in Ihrem Kontext bewertet und angepasst werden. Als Lehrkräfte können wir es uns nicht mehr leisten, das selbe Wissen jedes Semester wiederholt zu lehren. Der inhaltliche als auch methodische Fokus sollte deshalb mehr auf der Problemlösekompetenz liegen. Letztlich hilft diese ja auch dabei, die passgenaue Information bedarfsgerecht zu finden. Gerade mithilfe von Open University. Wenn digitale Lernkonzepte etabliert würden, könnte entsprechend mehr “Raum” für Lehre geschaffen werden, die sich darauf konzentriert.

Abschließend ein wenig Zukunftsmusik: Wie sehen Sie die Entwicklung bezogen auf offenere Lehr- und Lernformen in den nächsten 5 Jahren?

Wir befinden uns meines Erachtens in einer Umbruchphase, die mitunter sehr viele Iterationen benötigt. Wichtig wäre darauf zu achten, dass dies nicht zu Lasten des Lernenden geht. Vor allem das MOOC Phänomen hat gezeigt, dass es Entwicklungen gibt, die sich enorm schnell verbreiten können. Die Herausforderung liegt darin, ähnlich schnell zu prüfen, wie die Wirksamkeit sichergestellt werden kann.

Ich sehe auch viel Potenzial darin, Ansätze zu verfolgen, die verschiedene (bestehende) offene Lehr- und Lernformen verknüpfen, sodass Synergieeffekte entstehen. Mein Anliegen wäre, dass die Akteure auf dem Gebiet der Forschung und Lehre sich gegenseitig stärker abholen und mitnehmen würden, da ich bislang noch ein starkes Gefälle im Grad der Anwendung selbiger Methoden sehe.


Mehr von Deborah Schnabel und das Thema „Open University“ gibt es am 06. September bei Science&People #3 in der Digital Eatery!

IMG_6212Deborah Schnabel ist die Gründerin von Creative learning space, einer innovativen Lernumgebung. Der Creative learning space verbindet digitale und interaktive Lernmethoden miteinander, um kreative Problemlösekompetenz bei Studierenden zu entwickeln. Deborah ist promovierte Psychologin. Als Referentin und Forscherin beschäftigt sie sich mit Themen wie Bildungswissenschaft, Arbeitspsychologie, Interkulturelle Kompetenz, Kreativität und Teamfähigkeit. Sie selbst hat im Businessbereich unterschiedlichste Erfahrungen in Deutschland und im Ausland gesammelt. Als Vermittlerin von Schlüsselkompetenzen führte sie Trainings und Coachings für verschiedene Organisationen durch, und war als innovative Vorreiterin im Bereich Digitales Lernen tätig. Beim Creative learning space ist für Lernkonzepte, Forschung und Entwicklung, sowie den Vertrieb zuständig.

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